Am Ende des Vortrags herrschte Stille. „Nach all dem, was ich gerade gesehen und gehört habe, fehlen mir die Worte“, sagte Marie-Theres Kastner, Vorsitzende der Katholischen Elternschaft Deutschlands (KED) im Bistum Münster fassungslos am Ende der digitalen Infoveranstaltung „Für Erwachsene nur schwer zu ertragen: alles rund um das Thema Social Media“. „Ich möchte den letzten Satz unserer Einladung zitieren: Ein Abend, der überrascht, schockiert und die Augen öffnet. Sie haben nicht übertrieben“, sagte Kastner zu Thomas Hillers, dem Referenten. „Sie haben uns Dinge erzählt und gezeigt, die ich mir in meinem kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können.“
Thomas Hillers arbeitet als Social-Media-Coach an der Waldschule Hatten, einer Gesamtschule südlich von Oldenburg. Nur wenige wissen darüber Bescheid wie er, wie es den Jugendlichen mit dem, was sie täglich auf Tiktok und Instagram sehen, wirklich geht. Welchen Gefahren diese ausgesetzt sind. Und deswegen ging sein Vortrag den knapp 200 Teilnehmende auch so an die Nieren, da Hillers schonungslos, ehrlich und ungeschönt erzählte und zeigte, was tagtäglich auf die Kinder und Jugendlichen einprasselt.
Die Eltern bekommen nicht mit, was ihre Kinder im Internet erleben
Wie die Geschichte mit dem Katzenbaby im Mixer. Der Klassenlehrer einer neunten Klasse entdeckte das Video vor zwei Jahren auf seinem Diensthandy, informierte die Schulleitung und seine Kollegen, damit informiert waren darüber, was auf sie und ihre Schüler zukäme. Denn am Ende der Woche kannten nahezu alle das Video. Auch die, deren Eltern kein Tiktok und kein Instagram erlauben. „Bei dem Video war der Titel Programm. Und als das Katzenbaby anschließend noch nicht tot war, wurde es in die Mikrowelle gesteckt.“
Das Video habe er nur entdeckt, da er neben seinem eigenen Handy ein Diensthandy besäße. „Dieses Gerät habe ich nur für meine Recherchen, das darf ich versauen“, erzählte er den Teilnehmenden. „Denn wenn ich wissen will, was die Schülerinnen und Schüler im Netz erleben, muss ich versuchen, mich dort wie ein Teenager zu verhalten. „Und nicht der 36-jährige Lehrer, der ich bin.“ Denn: Die digitale Welt sei personalisiert und werde von Algorithmen, Cookies und KI gesteuert. Wer einmal etwas anschaut, bekommt als Nächstes etwas Ähnliches angeboten. Auf diese Weise geht es ab in die eigene Blase. Und genau deswegen werden Hillers auf seinem Diensthandy die Inhalte angezeigt, die auch seine Schüler tagtäglich sehen. „In den sozialen Netzwerken bewegt sich jeder in seiner eigenen Bubble, seiner eigenen Realität. Und deswegen bekommen die Eltern nicht mit, was ihre Kinder im Internet erleben.“
„Aber was kann man dagegen tun? Ich fühle mich so hilflos.“
Einmal die Woche bietet er für seine Schülerinnen und Schüler eine Sprechstunde an. „Zu der aber nicht so oft jemand kommt. Social-Media-Probleme können selten bis zur nächsten Sprechstunde warten.“ Deswegen schreiben die Jugendlichen eine Mail oder sprechen ihn in der Pause an. Oder er sie. So erzählte Hillers von einem Mädchen, das ihm einige Tage schon blass und belastet vorkam. Kurze Zeit später sprach es ihn dann an: Eine fremde Whatsapp-Nummer hätte ihr ein Video zugeschickt, das einen brutalen Femizid zeigte. „Die Schülerin hatte ihr Handy tagelang neben dem Bett liegen und wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte.“ Dass man solche Inhalte der Polizei melden müsse und auf keinen Fall speichern dürfe, „das wissen auch viele Erwachsene oft nicht“. Die Algorithmen würden dafür sorgen, dass immer mehr solcher Inhalte auf den Geräten angezeigt würden. „Oft noch krasser. Wenn Ihr Kind ein Smartphone besitzt, hat es so etwas schon gesehen.“
„Aber was kann man dagegen tun? Ich fühle mich so hilflos.“, sagte eine Teilnehmerin. „Ich empfehle Ihnen sehr, so eine Sprechstunde in der Schule einzurichten, um Schülern eine einen Ort zu geben, an dem sich öffnen können“ schrieb Hillers den anwesenden Eltern und Lehrern ins Stammbuch. „Die meisten Themen, also alles was Richtung Cybergrooming, sprich sexuelle Belästigung, geht, sind so schambehaftet, dass die Kinder oft völlig allein dem Problem gegenüberstehen, weil sie nicht mit ihren Eltern oder auch nicht mit ihren besten Freunden drüber sprechen wollen oder können.“ Das würden die Kinder dann mit sich allein ausmachen und verzweifeln. „Dann ist es gut, wenn man einen Ort, eine Person hat, bei der man sich geborgen fühlt, wo einem zugehört wird und solche Fälle gemeinsam durchgestanden und geklärt werden.“ Deswegen machte sich Hillers stark für eine frühstmögliche Schulung der Kinder in Sachen Medienkompetenz. „Schon ab der Grundschule.“
„Und was tue ich denn, wenn die Schule meiner Kinder mir, darauf angesprochen, immer wieder antwortet: Das ist alles privat. Damit haben wir nichts zu tun?“, rief eine verzweifelte Mutter dazwischen. „Leider gibt es Schulen, die so damit umgehen“, erwiderte Hillers. „Wir gehen bei uns damit anders um, eben weil wir eben anerkennen, dass all das, was im Netz passiert, eben nicht nur privat ist. Jeder Konflikt, der auf Schulhof entsteht, wird digital weiter ausgetragen – und andersrum. Und deswegen kann sich Schule meiner Meinung nach dort auch nicht rausnehmen.“ Den anwesenden Eltern empfahl er dringend, ihre Kinder in deren digitalen Lebenswelt zu begleiten. „Man kann sie dort auf keinen Fall alleinlassen.“
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- Gefahren in der digitalen Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen
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